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Union: Entlastet ein Rückkehrer „Alleinunterhalter“ Mattuschka?

Bereits eine Woche vor dem eigentlichen Rückrundenstart, wehte an der Alten Försterei etwas Zweitligaluft. Der 1. FC Union hatte ein Testspiel mit Ligakonkurrent Arminia Bielefeld vereinbart – beide Teams hatten zuvor bereits ihre zwei Partien gegeneinander absolviert und treffen nun nicht mehr aufeinander. Die Berliner setzten sich in einem zähen Spiel mit 1:0 (87., Baris Özbek FE) durch und setzten damit den Schlusspunkt unter eine, für die eigenen Ansprüche ebenso durchwachsene Winterpause, wie Hinrunde. Der 1. FCU agierte zwar nicht erfolglos, blieb in den Wintertests sogar ungeschlagen, konnte aber nur selten wirklich überzeugen. Beeindruckend war das starke 5:0 gegen Bundes- und Europaligist SC Freiburg, auch das abschließende 1:1 gegen Champions-League-Teilnehmer Steaua Bukarest aus Rumänien kann man sicher als Erfolg verbuchen. Demgegenüber steht allerdings das trockene 1:0 gegen Bielefeld, bei dem die Rückkehr des schwer verletzten Toptalents Björn Jopek das größte Highlight darstellte, sowie die indiskutablen Ereignisse rund um das Testspiel gegen Djugårdens IF in Stockholm.

Fandiskussion behindert wichtige Neustrukturierung

Das Verhalten einiger Sympathisanten des 1. FC Union dort, hat im Rückblick nicht nur der deutschen Fankultur, die sich nun erneut kollektiv für einige wenige rechtfertigen muss, einen Bärendienst erwiesen, sondern auch Union im wichtigen Prozess der Selbstfindung behindert, wenn nicht sogar unterbrochen. Während man in Köpenick über die gesamte Hinrunde nicht so recht zu wissen schien, ob man nun Favorit, Geheimfavorit oder Underdog im Kampf um den Aufstieg sei, oder ob die ganze Bundesligadiskussion nur als Produkt des Medienhypes um den Kultklub von der Wuhle abgestempelt werden könne, platzt nun mitten in diese Art der Neustrukturierung eine, für das Erreichen oder Übertreffen der Saisonziele völlig unwichtige, Fandiskussion hinein. Ein Störfeuer, zu gering und zu spezifisch für einen Vertrauensbruch zwischen Verein, Mannschaft und Fans, aber womöglich ärgerlich genug, um den Fokus vom mittlerweile doch relativ klar formulierten Ziel wegzulenken. Dass die Ereignisse nicht spurlos an den Spielern vorbeigegangen sind, bestätigten Aussagen von Ersatztorwart und Urgestein Jan Glinker („Es war einfach nur schlimm, dort unten zu stehen, und traurig für den Sport…“), sowie Union-Talent und Ultrasympathisant Christopher Quiring („Die Leute waren in ihrem Wahn. Man hat gemerkt, dass man sie nicht erreicht.“ und „Das mit dem Banner haben wir nicht mitbekommen. Es ist schade, dass die Fans darauf reagiert haben.“).

Mattuschka als Lehrmeister

Bei aller Aufregung wurde natürlich trotzdem und zum Glück auch Fußball auf den Trainingsplätzen in Köpenick und Chiclana de la Frontera (ESP) gespielt und das sogar mit Änderungen im Kader. Während Union Kreativkopf Silvio an einen österreichischen Bundesligisten mit dem klangvollen Namen „RZ Pellets WAC“ (ursprünglich mal Wolfsberger AC) abgab und damit nach Tijani Belaid einen weiteren Spieler, der ursprünglich als langfristiger Ersatz für Routinier Torsten Mattuschka eingeplant war, verabschiedete, konnte mit Abdallah „Abdi“ Gomaa ein höchst interessantes, ägyptisches Talent für anderthalb Jahre an die Wuhle gelotst werden. Der 18-Jährige ist beidfüßig, spricht momentan nur Arabisch und bevorzugt – Überraschung – die Position hinter den Spitzen, also offizielles „Tusche-Territorium“. Der 33-Jährige wiederum befindet sich nach wie vor in der Form seines Lebens. Während andere Spieler in seinem Alter verbissen darum kämpfen, sich von den jüngeren im Team nicht ausbooten zu lassen und dabei schon aggressiv-starrsinnige Züge an den Tag legen, bleibt „Tusche“ ruhig, ehrlich und kümmert sich besonders um seine jüngeren Mitspieler. In der laufenden Saison ist er mit acht Toren und sieben Vorlagen mit Abstand der wichtigste Mann der Köpenicker, was auch ein bisschen Fluch ist. Mit 33 kämpft auch der Körper nicht selten am Limit, ein langfristiger Ausfall Mattuschkas würde allerdings die Aufstiegshoffnungen der Unioner mit einem Schlag nahezu begraben. In der Hinrunde verpasste der Kapitän ein Spiel komplett wegen einer Gelbsperre – das 0:4 in Köln. Bereits dort konnte man sehen, dass der empfindlichste Schwachpunkt beim 1. FCU in der Abhängigkeit von Mattuschka liegt. Fällt er aus oder wird er völlig aus dem Spiel genommen, fehlt die Innovation von anderen Spielern oder Positionen.

Dynamo Dresden als Chance

Umso wichtiger also, dass Björn Jopek gegen Bielefeld wieder auf dem Platz stand. Vor seiner Verletzung sprach man in Berlin von „magischen“ Pässen, die der 20-jährige Youngster zu zelebrieren verstand. Jopek ist das vielleicht größte Juwel der Köpenicker. Bereits sein Vater spielte für die Berliner, Björn durchlief die gesamte Jugendabteilung des 1. FC Union und spielte sich, anders als seine Kollegen Quiring oder Skrzybski, nicht langsam und vorsichtig, sondern mit einem satten Krachen in die Mannschaft von Trainer Uwe Neuhaus. Unwahrscheinlich ist jedoch, dass Jopek bereits am kommenden Samstag gegen Dynamo Dresden in der Startelf stehen wird. Das Prestigeduell gegen den Traditionsverein aus der sächsischen Großstadt passt für die Köpenicker momentan auf der ganzen Ebene. In der Liga konnte man sich mit Siegen gegen Bochum und Bielefeld nach einer langen Durststrecke noch versöhnlich in die Winterpause verabschieden, während Dynamo ein Dasein am Tabellenende fristet, zudem gilt die Partie auch auf Fanebene als zumindest brisant. Ein guter Anlass also, um in Köpenick klarzustellen: Wir sind im Aufstiegskampf und Stockholm war, ist und bleibt eine ärgerliche Ausnahme.

Fazit:

Union gehört einfach aufgrund der Leistungen in der Hinrunde, der mannschaftlichen Geschlossenheit und der Glanzleistungen ihres Kapitäns zu den Aufstiegsfavoriten. Daran gibt es kaum etwas zu rütteln. Das größte Fragezeichen hinter dem tatsächlichen Erfolg ist der Umgang mit den Schwachpunkten – die Abhängigkeit von Mattuschka, die Unsicherheit in den Spielen gegen die direkte Konkurrenz um den Aufstieg und auch die fehlende mannschaftliche Tiefe. Nur wenige Positionen können eins zu eins ersetzt werden, nicht nur bei Verletzungen, sondern auch bei Formschwäche. Ein Manko, dass Union von anderen Aufstiegskandidaten unterscheidet – Köln, Kaiserlautern oder Fürth konnten sich ein sehr ausgeglichenes Team zusammenstellen, selbst Teams wie 1860 München, die im Hintergrund lauern, können zumindest auf eine sehr erfolgsorientierte und fortgeschrittene Jugendarbeit setzen, ein Plus, dass Union erst seit einigen Jahren voll ausschöpft. Gefühlt käme der Aufstieg in Köpenick nach wie vor zu früh. Tabu ist er allerdings nicht.