Kommentar: Ist das noch der Kumpelverein?

Der FC Erzgebirge Aue ist tief gespalten, als hätten die Auseinandersetzungen in den Medien der letzten Wochen und Monate nicht gereicht, setzten alle Beteiligten bei der jährlichen Mitgliederversammlung noch einen drauf. Persönliche Anfeindungen, kein Konsens, am Ende ein Mediengewitter und kein Fortschritt bei den ernsten Problemen. Trotz der soliden wirtschaftlichen Lage, dem Aufstieg in die zweithöchste Spielklasse und dem neuen Stadion gibt der Verein kein professionelles Bild ab. Ein Kommentar.

Entlassung von Ziffert hat für Vakuum gesorgt

Eines gleich vorweg: Es steht außer Frage, dass Anschuldigungen, die ins Private eines Menschen oder einer Familie gehen, nicht der richtige Weg für eine konstruktive Diskussion sein können. Die Familie Leonhardt engagiert sich seit 25 Jahren für den FC Erzgebirge, an ihrem Verdienst gibt es keinen Zweifel. So forderten weder die Fans noch Sponsoren den Rücktritt des Präsidenten, es sollen keine Köpfe im Erzgebirge rollen. Diese Aussagen überschatten eine Mitgliederversammlung und täuschen letztendlich über die Punkte hinweg, die verbessert werden müssen.

Tatsache ist, dass die Jugendarbeit in den letzten Jahren stark vernachlässigt wurde. Es reicht nicht ein Nachwuchsleistungszentrum zu bauen, wenn man augenscheinlich bei den Jugendspielern spart und der Förderverein letztendlich die Auslagen der Trainer bezahlen muss. Die A-Jugend spielt nur noch in der Landesliga, der Verein musste seinem Zeugwart einen Profivertrag geben um die Local Player Regelung einzuhalten. Es muss ein Konzept her und ein sportlicher Leiter, der die Jugendarbeit und Kaderplanung koordiniert und mit Berufserfahrung und Weitsicht voranbringt. Mit der umstrittenen Entlassung von Sportdirektor Steffen Ziffert wurde ein Kompetenzvakuum erzeugt, welches der Verein bisher nicht bereit war zu schließen. Dabei schrieb man sich doch immer wieder auf die Fahne, professionelle Strukturen schaffen zu wollen. Mit der Entlassung Zifferts brachte die Vereinsführung den Stein ins Rollen, wischte jede aufkommende Kritik beiseite und besetzte die Stelle nicht neu, kein Wunder, dass sich bei der Mitgliederversammlung viele Gehör verschafften. Darunter auch Ex-Präsident Lothar Lässig und langjährige Förderer des Auer Fußballs, das können keine Intriganten und Störenfriede sein, so viel steht fest.

Es besteht Handlungsbedarf

Bei der Öffentlichkeitsarbeit sehe ich genauso Handlungsbedarf, wichtige Informationen erreichen Fans, Mitglieder und Sponsoren nur spärlich. Alle vier Mitgliederanträge auf der Versammlung wurden nicht zur Abstimmung gebracht, die Satzung sei veraltet. Eine außerordentliche Mitgliederversammlung, die den Fans schon im letzten Jahr versprochen wurde, um wichtige Punkte zu klären, wurde nie abgehalten. Darüber wurde man als nichtanwesendes Mitglied nie informiert. Es kann kein Weg sein, die Kritik der Fans und Sponsoren zu ignorieren, aber sie regelrecht zu unterdrücken ist ein No-Go. Auch der allgemeine Umgangston der Geschäftsführung gegenüber außenstehenden Kritikern, über die öffentlichen Kanäle, lässt tief blicken. Da wundert man sich dann, wenn bei einer Mitgliederversammlung der Ton rauer wird?

In all diesen Bereichen besteht Handlungsbedarf und der Verein hat hier Spielraum für Verbesserungen. Helge Leonhardt bleibt weiterhin Präsident des Vereins, nun liegt es an ihm und der Vereinsführung die richtigen Wege einzuschlagen, Brücken zu bauen, persönliche Differenzen beizulegen und die richtigen Leute an einen runden Tisch zu setzen. Es ist unbestritten, dass die Leonhardts einen entscheidenden Anteil am Erfolg im Erzgebirge haben, sie genießen zurecht den Rückhalt und den Respekt der Fans. Doch letztendlich geht es hier um einen Verein mit 70 Jahren Historie und fast 7000 Mitgliedern, kein Präsident, kein Sponsor, kein Mitglied darf über dem Verein stehen.

Pack schlägt sich – Pack verträgt sich

Helge Leonhardt leitet einen wirtschaftlich gesunden Verein, mit einer jungen, entwicklungsfähigen Mannschaft und einer treuen, engagierten Fan- und Sponsorengemeinde. Im letzten Jahr gründete der Verein die Initiative Kumpelverein, bat seine Anhänger um Unterstützung nach dem Abstieg, Tausende folgten diesen Aufruf. Doch ist es ein Kumpelverein, wenn man sich der Kritik der eigenen Mitglieder nicht annimmt und es keine Augenhöhe untereinander gibt? Der Verein hat die Mittel und Wege die Gräben zu überbrücken und den Dialog zu starten. Aue hat aktive Fans und Sponsoren, die sich für eine bessere Zusammenarbeit stark machen, diese wäre im Interesse aller. Persönliche Angelegenheiten dürfen dem Wohle des FCE nicht im Wege stehen und wer sich Kumpelverein nennt, muss eine gelebte Vereinskultur zulassen, sie sogar unterstützen. Unter Kumpeln gilt übrigens: Pack schlägt sich – Pack verträgt sich.

 

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