KSC holt St. Pauli auf den Boden Tatsachen zurück
St. Paulis Seuchensaison nimmt nach der jüngsten 0:3-Niederlage gegen den Karlsruher SC vorerst kein Ende. Erst ein Auswärtssieg steht den Kiezkickern in dieser Spielzeit zu Buche. Nach der erneuten Pleite ist die Schlagweite (1 Pkt.) zum rettenden Ufer in Gefahr. Die Euphorie des 4:0-Erfolgs gegen Düsseldorf war bereits nach der dritten Minute verflogen. Eine Analyse des Spiels gegen Karlsruhe.
St. Pauli-Trainer Ewald Lienen schickte in Karlsruhe dieselbe Mannschaft ins Rennen wie schon gegen Düsseldorf zuvor. Seine Marschroute an die Mannschaft war klar; die Leistung zu bestätigen und wenn möglich, endlich den zweiten Auswärtssieg der Saison einfahren. Besonders im Fokus stand natürlich der Doppeltorschütze aus der Vorwoche Kyoung-Rok Choi. Dass der KSC aber nicht umsonst um den Aufstieg mitspielt, bewiesen die Badener bereits nach drei Minuten. Jan-Philipp Kalla schenkte den Ball im Mittelfeld leichtfertig her. Daraufhin nahmen die Hausherren über links geschwind Fahrt auf, bevor ein Doppelpass den Weg zum Tor freimachte. Rouwen Hennings vollendete aus spitzem Winkel. Besonders bitter: Von 2008 bis 2011 ging Hennings noch für die Hamburger auf Torejagd. Dass der Stürmer torgefährlich ist, hatte er bereits mit zwei Treffern im Hinspiel unter Beweis gestellt.
In der Folge lief St. Pauli bei jeder Offensivaktion Gefahr, von den quirligen Gastgebern ausgekontert zu werden. Und so geschah es dann auch, dieses Mal allerdings über rechts. KSC-Außenverteidiger Enrico Valentini flankte halbhoch in Richtung erster Pfosten, wo Hennings per Volley sämtliche Rest-Euphorie aus dem Düsseldorf-Spiel zur Nichte machte. St.-Pauli-Verteidiger Sören Gonther muss sich in dieser Situation vorwerfen lassen, dass er nicht energisch genug gegen Hennings vorging.
Ratlosigkeit in Braun-Weiß
St. Pauli musste jetzt eine Redaktion zeigen, doch es kam nichts. Die Offensive um Choi sah sich einer Karlsruhe Defensivbank gegenüber, dahinter klappte eine Riesenlücke. Von Hurra-Fußball keine Spur. Was war geschehen? Im Grunde genommen nicht viel. Karlsruhe ist ein Spitzenteam der zweiten Liga, das nicht umsonst um den Aufstieg mitspielt. Ihr Spiel besteht darin, die Räume eng zu machen, den Gegner kommen zu lassen und dann gnadenlos auszuspucken. Ein früher Rückstand im Wildpark ist angesichts dieser Philosophie noch mehr Gift als sonst.
Auf der anderen Seite hatte eine frühe Führung gegen Düsseldorf den Jungs vom Millerntor sichtlich Auftrieb und Stabilität verliehen. Mit der Sicherheit des Vorsprungs entkrampfte sich ihr Spiel und daraus ergaben sich mitunter sehenswerte Kombinationen. Die vielen Geschenke der Düsseldorfer nahmen die Kiezkicker dankend an. Derartige Gefälligkeiten gab es vom KSC nicht. Vor allem die fehlenden Räume machten der Offensive um Choi, Sobotta und Co. zu schaffen. Auch aller Euphorie des 4:0-Erfolgs zum Trotz, hatten sich bereits der Fortuna gute Torchancen im Spiel geboten. Im Gegensatz zu den Badenern wurde sie jedoch liegen gelassen.
Spiel über Außen macht St. Pauli zu schaffen
Der KSC kam vor allem über die Außen, ihre Hereingaben zumeist aus dem Rücken der St.-Pauli-Abwehr. Die Geschwindigkeit und Präzision mit der sie ihre Angriffe ausspielten, war beispielhaft. Aufgrund zwei weiterer Großchancen hätte die Pausenführung sogar noch höher ausfallen können. St. Paulis einzige wirkliche Chance den Anschlusstreffer zu erzielen, resultierte - dem Spielverlauf entsprechend - aus einer Standardsituation. Nach einer Ecke verschätzte sich zunächst KSC-Keeper Dirk Orlishausen beim Herauslaufen, ehe Lasse Sobiech den Ball per Kopf aufs Tor manövrierte. Der aufmerksame Daniel Gordon klärte den Ball aus höchster Not auf der Linie.
Nach einer guten Stunde verließen zwei der Helden des vergangenen Spieltags den Platz. Waldemar Sobotta und Choi waren beide nahezu abgemeldet, der Wechsel folgerichtig. Doch auch die Hereinnahme von Sebastian Maier und Armando Cooper vermochte das Spiel der Hamburger nicht zu beleben. Stattdessen erhöhten die Hausherren auf 3:0. Manuel Gulde (69.) war nach einem Freistoß von Valentini mit dem Kopf zur Stelle und der Ball landete per Aufsetzer im Netz. Spätestens jetzt war das Spiel für die Gäste gelaufen. Die Schmerzen, die St. Pauli zuvor der Fortuna zugefügt hatte, verspürten die Kiezkicker nun am eigenen Leibe.
Zwei frühe Treffer als Ausschlag zum Erfolg
Tatsächlich sind die beiden Spiele durchaus miteinander vergleichbar: Jeweils zwei frühe Treffer gaben den Ausschlag zum Erfolg und von denen sich das andere Team nicht mehr erholen konnte. Eine Niederlage mit mehr als einem Treffer Unterschied hatte es in der Ära Lienen allerdings bis dato noch nicht gegeben. Die Offensivschwäche der Hamburger, vom Düsseldorf-Spiel mal abgesehen, ist hinlänglich bekannt. Im Deutschunterricht würde man sie als ‚verklausuliert’ bezeichnen: zu kompliziert, zu indirekt. Die Karlsruher Defensive wirkte zwar sehr stabil, doch sie wurde von St. Pauli auch nie ernsthaft gefordert.
Was Lienen jedoch mehr Sorgen bereiten dürfte, ist, wie schnell der KSC seine Hintermannschaft aushebelte. In nur wenigen Spielzügen arbeiteten sie sich bis zur Grundlinie vor. Dann wurde es meist gefährlich. Ohne eine neue Baustelle in der zuletzt stabil wirkenden Abwehr aufzumachen, muss Lienen ein Mittel finden, diese Bälle von Außen besser zu unterbinden. Kommenden Freitag reist der 1. FC Nürnberg ans Millerntor.