Das neue Erzgebirgsstadion: Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Malerisch liegt sie in einem Talkessel des Erzgebirges, die kleine Kreisstadt Aue. Ein Bahnhof, ein Fluss, ein kleiner Markt, auf den ersten Blick eine ganz normale Kleinstadt, wären da nicht die vier Flutlichtmasten im Norden. Dort am Lößnitzbach liegt sie, die Heimat des FC Erzgebirge Aue, der neue und der alte Stolz der kleinen Kreisstadt. liga2-online wirft einen Blick auf die Historie und die Zukunft des Erzgebirgsstadions.
Otto-Grotewohl-Stadion
Schon weit vor der Gründung der BSG Pneumatik Aue wurde im Lößnitztal Sport betrieben, das Städtische Stadion mit seiner Laufbahn und Tennisplätzen stand vielen Sportvereinen der Stadt zur Verfügung. Das erste Fußballspiel in Aue, zwischen einer Erzgebirgsauswahl und dem Dresdener SC, fand am 31. Oktober 1931 statt, der spätere zweifache Deutsche Meister siegte mit 12:1. Nach dem Krieg nutzte die Rote Armee den Platz, an reguläre Fußballspiele war nicht zu denken und erst fünf Jahre später sollte eine moderne Arena im Lößnitztal gebaut werden. 1950 entstand in nur wenigen Monaten das Otto-Grotewohl-Stadion mit über 20.000 Plätzen, es wurde die Heimat und die Festung des Auer Fußballs. Das heute von den Fans liebevoll genannte „OldOtto“ katapultierte die kleine Kreisstadt an die Spitze des DDR Fußballs. Drei Meisterschaften und einen Pokal holte die legendäre Mannschaft um Willy Tröger und Heinz Satrapa, damals noch als SC Wismut Karl-Marx-Stadt. Den Namen konnte die DDR Führung ändern, doch den Spielort ließen sich die Auer Bergarbeiter partout nicht nehmen. Sogar ein Hauch internationaler Fußball lag in der Luft, als Gwarida Warschau, die Young Boys Bern, der IFK Göteborg und Rapid Wien im beschaulichen Erzgebirge zu den Europapokalspielen gastierten. Die große Geschichte des DDR Fußballs wurde in den folgenden Jahren in Magdeburg, Dresden und Berlin geschrieben, doch die meisten Oberligaspiele fanden im Otto-Grotewohl-Stadion statt. An die 22.000 Zuschauer strömten damals in den Schacht, ein verschworenes Dutzend schaute von den Berghängen zu. Wie heute schallte der Name Wismut durchs Rund, Aue hielt sich als BSG Wismut Aue eisern in der DDR Oberliga. Erst in den 80ern wurde das mittlerweile marode Stadion teilweise saniert, die Fluchtlichtmasten erstrahlten zum 1000. Oberligaspiel. Dann kam die Wende und wie die Mauer musste auch der Name weichen, fortan war die Heimat der Veilchen das Erzgebirgsstadion.
Das neue Markenzeichen
Mit der WM 2006 brach ein regelrechter Bauboom in der Bundesliga aus, fast alle Profivereine bekamen ein neues modernes Stadion, im Erzgebirge hingegen schienen sich die Uhren ein wenig langsamer zu drehen. Aue hatte die Wiedervereinigung sportlich gemeistert, 2003 stieg man zum ersten Mal in die 2. Bundesliga auf. Doch in der Fußballwelt der Multifunktionsarenen mit perfekter Sicht, komplett überdachten Rängen, großen VIP-Bereichen und Kartenbezahlsystemen schien das Erzgebirgsstadion wie aus einer anderen Zeit. Eine lila Tartanbahn, eine Haupttribüne aus den 50ern, Flutlichtmasten aus den 80ern, die alte Anzeigentafel aus dem Schalker Parkstadion und eine 2010 schnell hochgezogenen neuen Tribüne auf der Gegengerade, es war ein lebendes Stück Vereins- und Fußballgeschichte. Doch die Auflagen der DFL ließen dem Verein keinen Spielraum und was jahrelang dem eisigen Winter und tausenden von Zuschauern trotze, wurde von den Baggern in wenigen Tagen klein gemacht. Zwei Jahre sollte der komplette Neubau dauern, Stück für Stück entstand es, das neue Wohnzimmer der Auer. Jetzt sie da, die perfekte Sicht, die komplett überdachten Ränge, der VIP Bereich, vielleicht auch bald die Kartenbezahlsysteme. Glatter grauer Beton, perfekt gestrichene Stahlträger, neue Sitzschalen, für einen Bergarbeiter-Verein ein wenig zu sauber, ein wenig zu schön. Noch fehlt dem Hexenkessel am Lößnitzbach das nötige Feuer. 22.000 Zuschauer kamen einst hierher, ein Wert von dem man heute in der Geschäftsstelle nur noch träumt. In den letzten Jahren sank der Zuschauerschnitt auf knapp 8000 ab, die stark gestiegenen Ticketpreise, die unzureichende Anbindung und die schlechte Parkplatzsituation halten viele Fans fern. Die Tradition und Liebe spürt man im Schacht dennoch und auch den Stolz der Anhänger. Stolz auf das Vergangene und Geleistete, Stolz auf jeden erreichten Klassenerhalt, der wie eine Meisterschaft gefeiert wird. Aue ist im modernen Profifußball angekommen und hofft mit der neuen Arena in neue Sphären vorzustoßen. Das Aushängeschild des FC Erzgebirge soll nicht nur neue Sponsoren anziehen, sondern auch den immer niedriger werdenden Zuschauerschnitt heben. Fast 40 Jahre lang hielt das „OldOtto“ die Veilchen in der DDR Oberliga, jetzt soll das neue Erzgebirgsstadion Aue in der 2. Bundesliga halten.