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Kommentar: Arminia und die "richtigen Worte"

Der DSC Arminia Bielefeld steckt in seiner schwersten sportlichen Krise der letzten zwei Jahre. Unter dem Luxemburger Trainer Jeff Saibene – der die Arminia im März 2017 aus genau einer solchen Lage rettete – ist es erste echte Krise seiner Amtszeit überhaupt. Mit dem desaströsen Ausscheiden im DFB-Pokal und einem 0:3 gegen den Tabellenvorletzten aus Duisburg vor heimischer Kulisse kassierte der DSC schon die fünfte Pflichtspielniederlage in Serie. Ein. Kommentar:

"Es ist schwer, jetzt die richtigen Worte zu finden"

Die ersten Worte von Kapitän Fabian Klos nach der Partie gegen den MSV Duisburg hätten an dieser Stelle für die meisten DSC-Fans wohl schon ausgereicht, um die aktuelle Situation zu umschreiben. Es sei schwer nun Worte zu finden, wird der Kapitän auf der Homepage der Blauen zitiert. Mit dieser Einschätzung hat der Rekordtorschütze der Arminia den berühmten Nagel vollständig auf den Kopf getroffen:

  1. Es ist schwer die richtigen Worte zu finden, für einen Torwart, der von "seiner großen Chance" spricht, als sich der Stammkeeper verletzt und der dann selbst zum Unsicherheitsfaktor wird.

  2. Es ist schwer die richtigen Worte zu finden, für eine Abwehr, die sich Woche für Woche kapitale Fehler leistet, unabhängig von Position und Person und die Gegner wortwörtlich zum Toreschießen einlädt.

  3. Es ist schwer die richtigen Worte zu finden, für ein Mittelfeld, aus dem keine Ideen mehr in die Offensive kommen, das sich Ballverluste in der Vorwärtsbewegung leistet, unzureichend mit nach hinten arbeitet und im 1-gegen-1 regelmäßig den Kürzeren zieht.

  4. Es ist schwer die richtigen Worte zu finden, für einen Sturm, der kaum Anspiele und Möglichkeiten bekommt und die wenigen – teils guten Möglichkeiten – dann kläglich vergibt.

  5. Es ist schwer die richtigen Worte zu finden, für eine Mannschaft, die sich noch vor fünf Wochen gegen den 1. FC Köln über 90 Minuten zerrissen hat und seit der zweiten Hälfte gegen Fürth lustlos, emotionslos und hilflos über den Rasen trottet.

  6. Es ist schwer die richtigen Worte zu finden, wie eine Mannschaft die Aufbruchsstimmung, die durch Fans und die lokale Wirtschaft im Bündnis Ostwestfalen geschaffen wurde, in nur fünf Wochen in tiefe Tristesse umwandeln kann

Womit die Worte von Fabian Klos also definitiv bewiesen wären: Es ist insgesamt schwer die richtigen Worte zu finden für das, was beim DSC Arminia Bielefeld derzeit geschieht.

Was waren noch gleich "Tugenden"?

In solchen Zeiten werden von den meisten Fußballern die großen Tugenden des Fußballs beschworen. Man müsse analysieren, wieder aufstehen, sich den Arsch aufreißen, kämpfen, beißen und sein letztes Hemd geben. Auch die Spieler der Arminia haben diese Worte – für manche vielleicht eher Floskeln – schon in den Mund genommen, doch nur die Wenigsten können damit offenbar etwas anfangen. Ausnahmen bilden vielleicht Keeper Stefan Ortega, der nicht nur sein Trikot zerriss, sondern sogar seine eigene Gesundheit im Zweikampf geopfert hat. Oder Kapitän Klos, der zwar offensiv kaum zur Geltung kommt, aber zumindest einen gewissen Einsatz auf den Rasen bringt und dem man anzusehen glaubt, dass der Verein ihm etwas bedeutet. Folglich brachte der einstige Goalgetter die Situation am Mittwochabend schonungslos noch in anderer Art und Weise deutlich auf den Punkt: "Was wir heute abgeliefert haben, war für keinen DSC-Fan im Stadion zumutbar." Es scheint fast so, als hätten die Spieler einfach vergessen wie man Fußball spielt.

Fan-Frust wird größer

Diese DSC-Fans, die Klos nach dem Duisburg-Spiel ansprach, können ihren Augen derzeit wohl selbst kaum trauen. Zwar gibt es immer die "Extremen" in beide Richtungen, die nach einem Sieg vom Aufstieg oder nach einer Niederlage von Trainerentlassung sprechen, doch selbst die breite Basis der Fans ist mittlerweile frustriert. In den sozialen Netzwerken häufen sich Kommentare, die der Mannschaft die Qualität oder dem Trainer das Vertrauen absprechen. Positive Stimmen sind zuletzt kaum noch zu hören. Viel schlimmer als der Frust ist aber ein ganz anderer Trend in den Kommentaren zu erkennen. Einem Großteil der Anhänger scheint es mittlerweile fast gleichgültig egal zu sein, dass der DSC weiter verliert: "Es war ja zu erwarten"; "Ich bin erst gar nicht hingegangen"; "Dass sich hier noch Leute über die Leistung wundern" oder "Ich ärgere mich schon gar nicht mehr" sind nur eine handvoll Kommentare, die man auf Facebook oder Twitter derzeit lesen kann. Dabei ist Gleichgültigkeit wohl das schlimmste Zeichen für einen Vereinsanhänger.

Saibene spaltet die Gemüter

Nur in einem Punkt ist die Diskussion bei allen Fans höchst brisant und durchweg gespalten. Was wird aus Trainer Jeff Saibene? Die Forderungen nach seinem Rücktritt oder seiner Entlassung stehen nach fünf Pleiten in Serie natürlich im Raum. Auf der anderen Seite hat der Luxemburger die Mannschaft nicht nur vor zwei Jahren vor dem Abstieg gerettet, sondern auch eine beachtliche letzte Saison gespielt und bis vor fünf Wochen war er noch der "Graf von Luxemburg"und "Held von Bielefeld." An dieser Stelle dürfen- mal wieder die Mühlen des Fußballs erwähnt werden, die beinahe jedem Trainer – unabhängig von seinem Status – über kürzeste Zeit den Kopf kosten können. Ein Trainerwechsel ist dabei allerdings gar nicht immer das beste Mittel, schrieb übrigens schon der Spiegel vor sieben Jahren.

Mannschaft muss sich zwingend hinterfragen

Das deutschlandweit beste Beispiel für diese Aussage ist und bleibt der SC Freiburg, der mit seinem Trainer Christian Streich – von dem man grundüberzeugt ist – Auf- und Abstiege, Europapokal, Sieges- und Pleitenserien durchsteht und dessen Person nie zur Debatte stand. Ein Trainerposten ist dabei natürlich nicht in Stein gemeißelt, doch wenn ein taktischer geschulter Trainer wie Saibene, der die Mannschaft aus einer ähnlichen desaströsen Lage vor 18 Monaten befreite und – wie auch immer – fast zum Aufstieg führte und ein Co-Trainer wie Carsten Rump, seines Zeichens Ur-Armine und Motivator, die Mannschaft nicht richtig einstellen kann, sollten sich nicht diese beiden, sondern die Akteure auch dem Platz hinterfragen.

Die berühmten Wochen der Wahrheit

Fakt ist, dass die Form und die Leistungen der Arminia derzeit "unzumutbar" sind. Fakt ist aber auch, dass man in der Tabelle noch nicht auf einem Abstiegsplatz steht und alles weiterhin in der eigenen Hand hat. In den kommenden Wochen werden Spiele gegen Ingolstadt, Sandhausen und Duisburg die Marschroute für den Rest der Saison vorgeben. Mitten hinein in den Tabellenkeller oder wieder zurück ins Mittelfeld. Bewerkstelligen kann dies alleine nur die Mannschaft, die die Vorgaben des Trainers wieder umsetzen, ihre Fehler abstellen und sich wieder mit Leidenschaft auf den Platz begeben muss. Ansonsten werden die Wochen der Wahrheit ein berühmtes böses Erwachen geben und personelle Konsequenzen – ob sinnvoll oder nicht – nicht mehr abzuwenden sein. So wie jetzt ist der "Traditionsverein aus Ostwestfalen" nur noch ein Schatten seiner selbst.