Saisonvorschau Darmstadt: Mit Euphorie zum Klassenerhalt
Nach 21 Jahren endlich wieder zweitklassig! Die vergangene Saison geht als die Verrückteste der langen Vereinsgeschichte des SV Darmstadt 98 ein: Durch den Lizenzentzug der Offenbacher Kickers in der Dritten Liga geblieben, erreichten die „Lilien“ ein Jahr später in der Relegation den Aufstieg in die 2. Bundesliga. Vor allem das 4:2 in letzter Minute in Bielefeld steht als Sinnbild für diese unglaubliche Spielzeit 2013/14 der Südhessen. Die Rückkehr in die Zweite Liga soll nach Möglichkeit jedoch länger als nur ein Jahr währen, Trainer und Manager Dirk Schuster bat sein Team als erstes im Profigeschäft zum Trainingsauftakt. Inzwischen sind sieben neue Spieler verpflichtet, zusätzlich kommen drei Nachwuchstalente. Zusätzlich schaffte der Verein die von der DFL geforderten Rahmenbedingungen bezüglich des Stadions am Böllenfalltor – das in der kommenden Saison „Merck-Stadion am Böllenfalltor“ heißt. Für 1,5 Millionen Euro sicherte sich das Traditionsunternehmen den Namen über fünf Jahre. Oberbürgermeister Jochen Partsch bezeichnete die Zusammenarbeit von Verein, Stadt und Merck als „idealen Dreiklang“.
Die Testspiele
Der namhafteste Gegner war der VfB Stuttgart, gegen den die „Lilien“ knapp mit 1:2 verloren, den Bundesligisten jedoch lange gehörig ins Schwitzen brachten. Diese Leistung machte Lust auf mehr. Die restlichen Begegnungen gegen unterklassige Gegner wurden souverän gewonnen, unter anderem gab es ein 8:0 gegen den Kooperationspartner Hessen Dreieich.
Mögliche Startelf
Im Tor stritten sich in der Vorbereitung die beiden Mainzer Zugänge Christian Wetklo und Christian Mathenia um den Stammplatz. Doch Wetklo ist bereits wieder weg, interne Streitigkeiten gaben den Ausschlag, den Vertrag des erfahrenen Torhüters vorzeitig aufzulösen. Sein junger Konkurrent Mathenia hinterließ bisher einen starken Eindruck, dennoch suchen die Darmstädter erneut einen Torwart: Der Ex-Bielefelder Patrick Platins trainierte bereits mit. In der Innenverteidigung wird das erfolgreiche Duo Aytac Sulu / Benjamin Gorka um Romain Brégerie erweitert: Der ehemalige Kapitän von Dynamo Dresden wird aufgrund Gorkas Trainingsrückstand wohl gegen Sandhausen neben Sulu beginnen. Linksverteidiger Michael Stegmayer bekommt von Fabian Holland, der von Hertha BSC Berlin ans Böllenfalltor gekommen ist, Konkurrenz. Holland kann ebenfalls Zweitliga-Erfahrung aufweisen und ist auch als „6er“ einsetzbar. Auf der rechten Seite duellieren sich, wie vergangene Saison, Aaron Berzel und Sandro Sirigu, der allerdings ebenso gut auf der rechten offensiven Außenbahn spielt. Im zentralen Mittelfeld haben Hanno Behrens und Jerôme Gondorf durch den zweiten Ex-Dresdner Tobias Kempe einen Konkurrenten mehr. Auch Julius Biada konnte in der Vorbereitung auf sich aufmerksam machen und hat Boden gutgemacht. Auf den Außenbahnen hat sich Milan Ivana nach Verletzung eindrucksvoll zurückgemeldet, Marcel Heller zeigte sich in den Testspielen torhungrig. In vorderster Front ist Dominik Stroh-Engel gesetzt. Lange Zeit sah es so aus als ob Zugang Maurice Exslager die besten Aussichten auf den Platz neben Stroh-Engel hätte. Doch wie Milan Ivana zeigte auch Marco „Toni“ Sailer ein starkes Comeback gegen Dreieich. Der letzte Zugang vor Beginn der Saison ist Offensivkraft Ronny König, der vom FC Erzgebirge Aue nach Darmstadt wechselt.
Es stehen also noch einige Fragezeichen hinter der Startelf gegen Sandhausen, so könnte sie aussehen:
Christian Mathenia – Sandro Sirigu (Aaron Berzel), Aytac Sulu, Romain Brégerie, Michael Stegmayer – Marcel Heller, Hanno Behrens (Tobias Kempe, Julius Biada), Jerôme Gondorf, Milan Ivana – Marco Sailer (Maurice Exslager, Ronny König), Dominik Stroh-Engel
Wichtigster Spieler
In der abgelaufenen Spielzeit war Dominik Stroh-Engel mit seinen 27 Treffern sicherlich der auffälligste Akteur der „Lilien“, dennoch war die mannschaftliche Geschlossenheit der Schlüssel zum Erfolg. Jeder Spieler machte eine Entwicklung durch, jeder Mannschaftsteil zeigte teilweise herausragende Leistungen. Den einen wichtigsten Spieler wird es vermutlich auch in dieser Spielzeit nicht geben.
Stärken
Wie bereits angesprochen waren Kampfgeist, Fitness und die Bereitschaft, über die Grenze zu gehen, die große Waffe der Darmstädter in der vergangenen Saison. Außerdem zeigten die Darmstädter technisch durchaus anspruchsvollen Kombinationsfußball, Spieler wie Ivana, Gondorf oder Heller stehen für Ballkontrolle. Und dann ist da natürlich noch Dominik Stroh-Engels Treffsicherheit. Ohne den unermüdlichen Einsatz von Stroh-Engels Sturmpartner Sailer wäre so manches Tor jedoch nicht gefallen. Ob das Duo auch in der Zweiten Liga so harmonieren kann, ist eine der zentralen Fragen der kommenden Saison.
Schwächen
Auch wenn fast alle Zugänge Zweitliga-Erfahrung mitbringen, ist diese Liga für den Großteil des Teams Neuland. Das Tempo ist höher, die Spiele intensiver, Fehler werden konsequenter bestraft. Es bleibt abzuwarten, wie gut die „Lilien“ die ersten Spiele meistern. Mit Sandhausen, Ingolstadt und Aalen warten machbare, aber undankbare Gegner.
Trainer
Dirk Schuster ist durch seine unaufgeregte, zielstrebige Art – und nicht zuletzt aufgrund seines Erfolgs – beliebt wie kaum ein anderer Darmstädter Trainer zuvor. Sowohl im Umfeld als auch im Team. Die Spieler vertrauen ihm, Schuster lebt die geforderte Professionalität und Disziplin jeden Tag vor. Der einzige Nachteil seiner Arbeit: Wenn es so weitergeht, wird er auf Dauer wohl kaum in Darmstadt zu halten sein.
Prognose
Die Euphorie rund um die „Lilien“ ist ungebrochen groß, fast 5000 Dauerkarten wurden bereits verkauft. So viele, wie nie zuvor. Das Umfeld wird dem Team Schwächephasen verzeihen und es bedingungslos unterstützen. Die Verbindung zwischen Fans und Mannschaft war ein weiterer Schlüssel zum Erfolg der vergangenen Saison, so wird es auch eine Liga höher sein. Die Mannschaft ist eingespielt, die Zugänge erhöhen die Qualität und den Konkurrenzkampf. Dennoch hängt viel an Dominik Stroh-Engel. Durch die Vertragsverlängerung bis 2017 hat sich der Verein festgelegt und dem 28-Jährigen das Vertrauen geschenkt. Spannend auch, ob Ronny König Stroh-Engel entlasten kann. Der Klassenerhalt ist das oberste und einzige Ziel. Viel wird von dem Start in die Saison abhängen, inwieweit sich das Team etablieren und festigen wird. Gelingt dies schnell und wird die Mannschaft von Verletzungen weitestgehend verschont, stehen die Chancen gut, dass es auch in der Saison 2015/16 Zweitliga-Fußball in Darmstadt geben wird.
FOTO: FU Sportfotografie