St. Pauli bereit für Lilien: Team der Stunde gegen Team der Saison
Nicht heimlich, still und leise, sondern mit tosenden Fanfaren hat sich der FC St. Pauli aus der Abstiegszone befördert. Erst wurde der Ligakrösus aus Leipzig 1:0 geschlagen. Es folgte ein fulminanter 2:0-Sieg auf dem Betzenberg. Am vergangenen Spieltag wurde nun der VfL Bochum 5:1 am Millerntor abgefertigt. Der verdiente Lohn: Platz 14. Der Drops ist aber noch nicht gelutscht. In Darmstadt steigt der Showdown.
Das 5:1 gegen Bochum markierte den dritten Sieg in Folge für die „Boys in Brown“. Maßgeblichen Anteil am Sieg hatten Lennart Thy und Christopher Buchtmann, die zusammen drei der fünf Treffer beisteuerten. Die gute Form der beiden steht symptomatisch für die Formkurve des Vereins insgesamt, denn beide Akteure mussten lange auf ihren Durchbruch in dieser Saison warten. Während Buchtmann immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen wurde, war Thy, aufgrund seiner Vielseitigkeit, oftmals nur Lückenfüller. Dass sich der 23-Jährige allerdings im Sturmzentrum am wohlsten fühlt, bewies er mit seinem Doppelpack am Wochenende. Sein Drehschuss zum zwischenzeitlichen 1:1 (34.) war sogar so sehenswert, dass selbst Bochum-Keeper Alexander Luthe applaudierte. Buchtmann erzielte indes seinen ersten Profi-Treffer überhaupt. Der Mittelfeldmann hatte allerdings nach seinem Fehlpass, der zum 0:1 (4.) führte, auch etwas gutzumachen.
St. Pauli mit Moral und Finesse
An dem frühen Rückstand hatten die Hamburger in der Tat lange zu knabbern. Fast hätte der Ex-Paulianer Michael Gregoritsch sogar einen Doppelpack an alter Wirkungsstätte geschnürt, sein Schuss ging jedoch knapp am Pfosten vorbei. Thys Tor eine halbe Stunde später kam quasi aus dem Nichts. Marcel Halstenbergs (45.+1) Volleyabnahme kurz vor der Pause drehte die Partie schließlich vollends. Nach der Pause wurde Buchtmann selber Nutznießer eines gegnerischen Fehlers, als er sich das Leder vom Fuß eines Bochumers schnappte. Anschließend arbeitete er sich zum Strafraum vor und vollendete gefühlvoll zum 3:1 (49.). Die Bochumer Gegenwehr schien endgültig gebrochen. Für sie ging es ohnehin nur noch darum, die Saison mehr oder weniger ordentlich zu beenden Nur weitere drei Minuten später sorgte Thy mit seinem zweiten Treffer für die Vorentscheidung. Der Stürmer wurde von Dennis Daube mustergültig bedient und schob ins rechte Eck ein. Den 5:1-Endstand besorgte schließlich der gerade eingewechselte Waldemar Sobotta mit einem Treffer (89.) in Robben-Manier. Erst führte er den Ball an der Strafraumgrenze spazieren, bevor er das Spielgerät gekonnt links unten ins Netz beförderte.
„Man könnte meinen, die Wettmafia ist hier am Werk“
Obwohl St. Pauli die letzten drei Spiele allesamt gewann, ist die Abstiegsgefahr vor dem letzten Spieltag immer noch nicht gebannt. Lediglich zwei Punkte trennen die Kiezkicker von einem direkten Abstiegsplatz. Der Abstand auf Relegationsrang 16 beträgt nur einen Punkt. Überhaupt ist die Tabellenkonstellation im unteren Drittel so spannend wie selten. „Man könnte meinen, die Wettmafia ist hier am Werk“, äußerte sich St.-Pauli-Trainer Ewald Lienen nach dem vergangenen Spieltag. Selbst Sandhausen, aktuell auf Platz 12, könnte noch den Gang in Richtung Liga Drei antreten. Einzig der VfR Aalen steht bereits als erster Absteiger fest.
Endspiel in Darmstadt
Der Showdown für St. Pauli findet (vorerst) am Darmstädter Böllenfalltor statt. Dort wartet das Überraschungsteam der Liga, das mit einem Sieg am letzten Spieltag den direkten Durchmarsch von der Dritten in die Erste Liga perfekt machen kann. Ein schweres Los für die Hamburger. Zudem verloren die Lilien nur ein einziges Heimspiel in dieser Saison. St. Pauli ist jedoch das Team der Stunde. Fünf Siege aus den letzten sieben Spielen sprechen eine deutliche Sprache. Zuvor rangierte auch der 1. FC Kaiserslautern vor dem direkten Aufeinandertreffen mit St. Pauli auf Rang zwei. Der Verein war sogar über ein Jahr lang zu Hause ungeschlagen und unterlag schließlich doch Braun-Weiß. Selbst wenn St. Pauli am kommenden Sonntag (15:30 Uhr) nicht gewinnen sollte, könnte die Klasse dennoch gehalten werden. Die Voraussetzung dafür ist allerdings ein Schwächeln der Konkurrenz. Darauf will sich die Lienen-Elf jedoch nicht verlassen. Sie hat auch keinen Anlass dazu.
Düsseldorf-Spiel als Initialzündung
Die Defensive steht seit Lienens Amtsantritt äußerst solide. Nur einmal verlor das Team mit mehr als einem Tor Unterschied (0:3 in Karlsruhe). An ihr bissen sich zuletzt sowohl Kaiserslautern als auch Leipzig die Zähne aus (bis schließlich die Kräfte nachließen und St. Pauli das Spiel für sich entschied). Auch vorne scheint sich das Team vom Millerntor inzwischen gefunden zu haben. Die Initialzündung war scheinbar der 4:0-Erfolg gegen Fortuna Düsseldorf vor einigen Wochen: „Wir haben uns danach die erste Viertelstunde noch mal angeschaut. Jeder hat gesehen, was passiert, wenn wir so aggressiv spielen. Und haben uns vorgenommen: So spielen wir jetzt jedes Spiel", erklärte Buchtmann den starken Auftritt seines Teams gegen Bochum. Tatsächlich hat St. Pauli seine besten Torchancen oft der eigenen Vehemenz zu verdanken. Die Spieler lassen sich kaum abschütteln und zwingen den Gegner mit ihrer aggressiven Spielweise zu Fehlern. Häufig fallen die Treffer dennoch erst nach einem Geniestreich, so auch Thys Ausgleichstreffer zum 1:1 gegen Bochum. Andere Beispiele sind Jan-Philipp Kallas Tor gegen Lautern oder der fantastische Pass über das halbe Spielfeld von Außenverteidiger Sebastian Schachten.
Gegen Darmstadt müssen sich die Hamburger vor allem davor hüten, erneut den Start in ein Spiel zu verschlafen. Fast in jeder Partie verbuchen die Gegner der Kiezkicker Großchancen in der Anfangsphase. Oft war St. Pauli im Glück und sie wurden liegen gelassen. Gegen den Karlsruher SC fing man sich hingegen gleich zwei und das Spiel war gelaufen. Darmstadt ist zweifelsohne eines der effektivsten Teams der Liga. Wenn es mit dem rettenden „Dreier“ klappen soll, muss die Scheunentür dicht bleiben. Ein Bauernopfer wie Bochum, für die es am vergangenen Spieltag bereits um nichts mehr ging, sind die Lilien definitiv nicht. Die Nerven könnten jedoch auf beiden Seiten eine große Rolle spielen.