Kadercheck RB Leipzig: Es gibt keine Ausreden mehr

Die erste Saison in Liga 2 endete für die Messestädter letztlich als Übergangsjahr. Spätestens nach dem Theater um Erfolgstrainer Alexander Zorniger zu Beginn der Rückrunde war klar, dass der Durchmarsch direkt ins Oberhaus nicht gelingen würde. In den letzten Wochen nun erfolgte ein kräftiges Drehen an allen Schrauben. Ralf Rangnick als selbstinstallierter Cheftrainer und zahlreiche teure Neuzugänge sollen den Roten Bullen im neuen Spieljahr Flügel verleihen.

 Tor: Coltorti und Gulacsi auf Augenhöhe – Bellot wohl chancenlos

Fabio Coltorti ist eine Institution. Der 34jährige Schweizer, über die Jahre zu einem Liebling der Fans gereift, spielte eine mehr als solide Saison und dürfte wiederum als Favorit auf den Posten als Stammkeeper ins Rennen gehen.  Gesetzt ist er fortan aber nicht mehr automatisch, denn mit dem international erfahrenen Peter Gulacsi, der aus Salzburg kam und einst sogar beim FC Liverpool im Kader stand, wurde ein echter Herausforderer geholt. Beim österreichischen Meister war der Ungar die Nummer Eins, satte 50 Spiele absolvierte er wettbewerbsübergreifend in der Vorsaison. Für Benjamin Bellot, bisher zuverlässiger Backup, bleibt somit künftig nur noch die Rolle als dritter Mann.

Abwehr: Massive Investitionen geben dem  Defensivblock ein neues Gesicht

Rein statistisch gesehen war die Defensive zuletzt das Prunkstück. Dennoch sahen die Verantwortlichen sich veranlasst, speziell im Abwehrverbund richtig viel Geld in die Hand zu nehmen und dem Team an dieser Stelle eine Blutauffrischung zu verpassen. Höchstes Augenmerk wurde dabei wie auf den meisten anderen Positionen auch auf die Jugend und Entwicklungsfähigkeit der Spieler gelegt.

Im Zentrum kamen mit Willy Orban vom 1.FC Kaiserslautern und mit Atinc Nukan von Besiktas Istanbul junge Akteure, die kein anderer Zweitligist auch nur ansatzweise hätte finanzieren können. Der Ex-Kapitän der Pfälzer ist gesetzt. Da Trainer Rangnick Wert darauf legt, jeweils einen Links- und einen Rechtsfuß in der Mitte seiner Viererkette zu postieren, ist er mit seiner Beidfüßigkeit Gold wert. Um den Platz neben ihm wird sich der Türke Nukan ein Duell mit dem alten Haudegen Tim Sebastian und U19-Nationalspieler Lukas Klostermann, der jedoch auch auf außen aushelfen kann, liefern. Ob Ex-Nationalspieler Marvin Compper noch eine Rolle spielt scheint ungewiss. Er wurde zuletzt immer wieder als Transferkandidat genannt und könnte den Verein wohl noch vor Saisonbeginn verlassen.

Die defensiven Außenbahnen werden zunächst wohl wie gehabt Anthony Jung links und Georg Teigl rechts beackern. Neu sind die Konkurrenten der beiden Platzhirsche: Ken Gipson, der von der Reserve des VfB Stuttgart kam, soll dem Österreicher Druck machen. Jung muss gegen den 18jährigen Russen Dmitri Skopintsev beweisen. Insgesamt geht die sportliche Leitung im Abwehrbereich ins Risiko. Die Neuzugänge sind allesamt sehr jung und müssen sich, mit Ausnahme von Orban, zunächst in der neuen Liga bzw. in einem neuen Land akklimatisieren.  Dies kann funktionieren, ist aber längst keine Selbstverständlichkeit.

Mittelfeld: Taktgeber Joshua Kimmich hat eine Lücke hinterlassen

Mit Ausnahme-Talent Joshua Kimmich, der sich dem FC Bayern angeschlossen hat, muss eine große Lücke geschlossen werden. Seine Rolle im zentralen Mittelfeld soll der aus Salzburg gekommene Stefan Ilsanker füllen – ein deutlich defensiverer Spieler, der seine Qualitäten aber schon auf höchster Ebene im Europapokal unter Beweis stellen konnte und die Qualität hat, ein Führungsspieler zu werden.

Auf den weiteren Planstellen in der Mitte setzt RB auf bewährtes Personal. Freistoßkünstler Dominik Kaiser dürfte einen Vorsprung haben – mit Rani Khedira, Diego Demme und dem unter dem neuen Trainer aufblühenden Stefan Hierländer gibt es aber zahlreiche Alternativen. Es scheint denkbar, dass Ralf Rangnick auf diesen Position mit Bezug auf Gegner und Belastung sehr viel rotieren wird.

Die offensiven Außen besetzen auf dem Papier aktuell Emil Forsberg und Neuzugang Massimo Bruno (ebenfalls Salzburg). Als Alternativen stünden Zsolt Kalmar und wiederum der flexible Hierländer bereit. Möglich ist aber ebenso, dass hin und wieder die beweglichen Stürmer Yussuf Poulsen oder Marcel Sabitzer auf Außen eingesetzt werden.

Im Mittelfeld haben die Bullen die Qual der Wahl. Zahllose Rotationsmöglichkeiten bieten sich dem Trainerteam und es wird für jeden Gegner deutlich schwerer als im Vorjahr, die Leipziger auszurechnen. Der Abgang von Kimmich, auf den sich viel fixierte, kann sich somit vielleicht sogar als positiv herausstellen.

Sturm: Selke und die Angst

Plötzlich war sie wieder da, diese Angst. Dieser Fluch. Mittelstürmer-Hoffnung bei RB Leipzig sein, da war doch etwas. Im letzten Jahr wurde Terrence Boyd von Rapid Wien geholt – er sollte das Prunkstück des Angriffs werden. Nach doppelter Knieverletzung war seine Saison schnell vorbei und er beginnt erst im Herbst wieder, sich richtig an das Team heranzuarbeiten. Nun wurde Davie Selke für nicht weniger als acht Millionen Euro von Werder Bremen losgeeist – und knickte im Training um. Wieder das Knie, wieder diese Angst! Doch zum Glück tags darauf Entwarnung: alles halb so wild, der Einsatz zu Saisonbeginn scheint möglich.

Ein tiefes Durchatmen, ein langwieriger Verlust des Hoffnungsträgers wäre ein schwerer Schlag gewesen. Doch auch neben Selke sind die Rot-Weißen in vorderster Front herausragend aufgestellt. Mit den bereits erwähnten Poulsen und Sabitzer stehen weitere absolut überdurchschnittliche Angreifer zur Verfügung, die beide gewiss den Anspruch an sich haben, zweistellige Torwerte abzuliefern. Sie müssen zudem dafür sorgen, die bei den Fans  immer noch sehr präsente Vereinsikone Daniel Frahn vergessen zu machen. Liefern sie nicht ab, dann wird die Politik im Umgang mit dem besten Torschützen der jungen Klubgeschichte im Umfeld schnell ein Thema werden. Vor allem dann, wenn Frahn in Heidenheim wiedererstarken sollte…

Ergänzt wird das Quartett im RB-Angriff durch den talentierten Nils Quaschner, der bereits im Winter kommen sollte und dessen Deal mit, wiederum, Salzburg dann jetzt durchging.
Ähnlich wie das Mittelfeld ist der Sturm ein Glanzstück. Individuell ist kein Zweitligateam besser besetzt – ob es im Kollektiv funktioniert muss sich hier wie auf allen anderen Positionen erst noch zeigen.

Fazit:

Es gibt keine Ausreden mehr. Ein Sportdirektor, der einen zweistelligen Millionenbetrag in Liga Zwei investiert, das Aushängeschild Frahn abserviert und sich selbst auf den Trainerstuhl hievt – der muss aufsteigen. Momentan herrscht in Leipzig Aufbruchstimmung. Bei einem guten Start kann sie das Team tragen. Sollte der Erfolg aber ausbleiben, dann kann sich der Wind schnell drehen. Aber, ganz klar: RB Leipzig ist der Topfavorit, der FC Bayern des Unterhauses. Laufen die Dinge einigermaßen normal, dann wird im Osten der Republik 2016 wieder Bundesliga gespielt.

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