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Historisch spannend: Aufstiegskandidaten so gut wie lange nicht

© imago/Eibner

Am Montagabend stieß die SpVgg Greuther Fürth das Tor weit auf zu einem echten Vierkampf um den Aufstieg in die Bundesliga. Mit einem 2:1-Sieg gegen Holstein Kiel zogen die Kleeblätter mit dem direkten Konkurrenten gleich – und finden sich nun zwischen dem Hamburger SV und dem VfL Bochum mittendrin wieder. Ein spannender Aufstiegskampf steht der 2. Bundesliga bevor, den sie so noch nicht oft erlebt hat.

Beste Statistik seit 2011/12

Letztes Jahr hatte Zweitliga-Meister Arminia Bielefeld satte 14 Punkte Vorsprung vor dem Tabellenvierten, in der Saison davor waren es beim 1. FC Köln immerhin die Hälfte dieser Zähler. Nahezu langweilig war die Spielzeit 2017/18, als Fortuna Düsseldorf (63) und der 1. FC Nürnberg (60) souverän vor Holstein Kiel (56 Punkte) aufstieg – und dahinter lauerten zwar gleich vier Mannschaften, aber jeweils nur mit 48 Punkten. Eine Marke, die das aktuelle Spitzen-Quartett der 2. Bundesliga (Hamburg, Fürth, Bochum und Kiel) jetzt schon beinahe erreicht hat. Gerne erinnern sich Fußballfans an die Saison 2011/12 zurück, als gleich fünf (!) Mannschaften nach 22 Spieltagen über 42 Punkte hatten – bis heute ein Rekord in der Spielklasse. Schon damals jubelte am Ende Fürth, aber alles der Reihe nach.

Hamburger SV

Aktueller Spitzenreiter ist der Hamburger SV, weil sie Simon Terodde haben. Der dreifache Zweitliga-Torschützenkönig ist mit 19 Toren aus 22 Spielen auf dem besten Weg, sich den vierten Titel zu holen – seine Treffer halten den HSV aufgrund der besten Tordifferenz an der Spitze. Kurios, denn die Elbstädter haben in dieser Saison bereits Serien mit fünf Siegen in Folge oder elf aufeinanderfolgende Partien ohne Niederlage geschafft. Die 2:3-Pleite in Würzburg beendete die letztgenannte Serie abrupt und schubst den Ex-Dino in der Rückrunden-Tabelle gerade einmal auf den neunten Rang. Eingefleischte HSV-Fans zittern, weil ihnen das Schema bekannt vorkommt.

Zwei Mal sicherte sich der HSV bislang einen direkten Aufstiegsplatz zum Ende einer Zweitliga-Hinrunde, ehe die Rückkehr in die Bundesliga in der Rückrunde verspielt wurde. Klar ist aber auch, dass der HSV-Kader im dritten Zweitliga-Jahr längst dem finanziellen Rahmen der Spielklasse angepasst ist. Im Vergleich: In der Saison 2018/19, dem ersten Jahr, wurde der Kaderwert auf knapp 87 Millionen Euro geschätzt. Heute sind es "nur noch" rund 35 Millionen Euro. Was in den nackten Zahlen zunächst wie ein Rückschritt aussieht, spricht für die Arbeit von Cheftrainer Daniel Thioune, der dem HSV die gewisse Bodenständigkeit nach Jahren voll Chaos zurückbringen soll.

Aktuell stehen die Elbstädter nicht schlechter dar, als in teureren Jahren – Machtkämpfe im Hintergrund gibt es, fast schon naturgemäß, immer noch. Das Präsidium um Ex-Profi Marcell Jansen trat erst kürzlich geschlossen zurück. Unruhen im Verein und hohe Erwartungen vom Umfeld machen es dem Team auch in diesem Jahr wieder nicht leichter.

SpVgg Greuther Fürth

Im Frankenland spricht die Harmonie für die Kleeblätter. Beim 2:1-Sieg am Montagabend fielen mit Paul Seguin (Gelbsperre), Sebastian Ernst (Gelb-Rot-Sperre) und Julian Green (positiver Coronatest) gleich alle Mittelfeldspieler aus dem Herzstück der Fürther Rauten-Formation aus. Mit Einsatzwille und Laufleistung kompensierten die Fürther die brisanten Ausfälle, was nicht nur Cheftrainer Stefan Leitl stolz machte. Vor fast genau zwei Jahren war das für viele Fans der Spielvereinigung noch undenkbar, in einem offenen Brief wandten sie sich wegen Leitls Nürnberger Vergangenheit voller Wut an den Verein. Damals hieß es: "Wohl noch nie zuvor hatte ein Trainerteam in Fürth bereits bei Amtsantritt so wenig Kredit und Lobby bei den Fans.", von "fehlender Identifikation" und einem "Pulverfass" war die Rede.

Dinge, an die heute wohl keiner mehr zurückdenkt. Die Verpflichtung von Stefan Leitl als Cheftrainer war möglicherweise schon damals der Anstoß einer Transferpolitik, die nur Sport-Geschäftsführer Rachid Azzouzi in all ihren Details kennt. Denn das Fürther Team brilliert nicht mit einzelnen Starspielern, musste vor der Saison sogar Leistungsträger wie Maximilian Wittek oder Daniel Keita-Ruel ablösefrei ziehen lassen. Auffällig ist jedoch, dass die aktuellen Stammspieler oftmals mit dem Makel gescheiterter Bundesliga-Spieler behaftet sind. Ob Branimir Hrgota, Havard Nielsen oder das angesprochene Mittelfeld-Herzstück – sie alle standen bei Bundesligisten unter Vertrag, konnten sich dort aber nicht langfristig durchsetzen.

Was spricht daher für die Fürther? In erster Linie die momentane Verfassung, denn trotz aller Widrigkeiten, auch im finanziellen Rahmen, stellen die Kleeblätter das Team der Stunde. Mit 13 Punkten aus fünf Spielen legte die Spielvereinigung den besten Rückrunden-Start hin und drängte sich daher am Montagabend – völlig zurecht – in das Spitzentrio hinein.

VfL Bochum

Zum Leidwesen des Revierklubs aus Bochum natürlich. In der Thomas-Reis-Tabelle zählt der VfL zu den besten Zweitliga-Teams seit dem Amtsantritt des Cheftrainers, der als aktiver Spieler selbst 199 Pflichtspiele im Trikot der Bochumer absolvierte. Danach war er fünf Jahre in den Nachwuchsmannschaften des Vereins in verschiedenen Funktionen beschäftigt, ehe er im September 2019 von der Wolfsburger U19-Mannschaft zum Revierklub zurückkehrte. Seitdem formte der Coach als oberste Identifikationsfigur des Vereins ein wahres Spitzenteam.

In Bochum macht vieles die individuelle Klasse der Mannschaft aus. Mit Armel Bella Kotchap (18) und Maxim Leitsch (22) bilden zwei Eigengewächse das eingespielte Innenverteidiger-Duo, dahinter steht mit Manuel Riemann ein charakterstarker Leader, den die Bochumer wohl auch Nachts um drei Uhr zwischen die Pfosten stellen könnten. Auch Danilo Soares, als einer der besten Linksverteidiger der Liga schon mehrfach geadelt, blieb im letzten Sommer Revier – obwohl er bereits offen mit seinem Abschied umgegangen war. Dazu ehemalige Bundesliga-Profis wie Robert Tesche, Danny Blum, Gerrit Holtmann oder Simon Zoller, die das ansonsten junge Gerüst des VfL mit ihrer Erfahrung zusammenhalten. Die Mischung macht’s.

Fast schon vergessen ist Mittelfeld-Talent Vitaly Janelt, den die Bochumer im Sommer nach England verkaufen mussten (rund 600.000 Euro). Auch die Formkrise von Silvere Ganvoula spielt keine Rolle, dabei war der Kongolese in den Jahren zuvor oft der einzige Torgarant. Sogar Champions League-Klub Gladbach soll an ihm drangewesen sein, dieses Jahr folgten dann nur noch vier Startelf-Einsätze. Star-Allüren gibt es in Bochum nicht, das spürte auch schon Robert Zulj. Der Top-Scorer (20 Assists) verpasste aus disziplinarischen Gründen ebenfalls zwei Partien – und kam stärker denn je daraus hervor.

Holstein Kiel

Die Kieler Störche zählen als Viertplatzierter nicht weniger zum Favoritenkreis, was nicht zuletzt auch daran liegt, dass sie den großen FC Bayern aus dem DFB-Pokal kegelten. Bei nur 21 Gegentreffern stellt die Mannschaft von der Förde derzeit die beste Abwehr der Liga, weil auch zuvor umstrittene Spieler wie Torhüter Ioannis Gelios sich plötzlich in Bestform präsentieren. Dreh- und Angelpunkt der Kieler ist und bleibt Alexander Mühling, der schon fast als Urgestein des Klubs betitelt werden könnte – und mit acht Toren ist der zentrale Mittelfeldspieler derzeit sogar der Top-Torschütze.

Das widerum mutet beinahe zweifelhaft an, blickt man auf die erlesene Auswahl an jungen Sturm-Talenten und erfahrenen Torjägern. Allen voran beleben KSV-Rückkehrer Fin Bartels und Jae-sung Lee das Offensivspiel der Kieler. Eine Tatsache, von welcher der Südkoreaner bei seinem Wechsel an die Förde nie ausgegangen war – zumindest langfristig. Denn sollte Lee die KSV am Saisonende verlassen, dann wäre er nach drei Jahren schon viel länger geblieben, als er nach eigener Aussage gedacht hätte. Und das spricht für Kiel. Mit Spielern wie Mees, Porath, Reese und natürlich Serra bewiesen die Störche zudem einen feinen Riecher für Talente auf dem Transfermarkt. Auch mit Cheftrainer Ole Werner (32 Jahre) sitzt wohl nicht ganz zufällig der jüngste Profi-Coach bei den Kielern auf der Bank.

"Wir können etwas schaffen, was es vorher noch nicht gegeben hat. Eine Chance, die kriegt man nicht allzu oft im Leben", zeigte sich zuletzt beispielsweise Fabian Reese, gebürtig aus Kiel stammend, überzeugt vom großen Wurf mit den Störchen. Wer Bayern im Pokal an die Grenze und darüber hinaus bringt, der wäre jedenfalls eine Bereicherung für die Bundesliga. Und abgesehen vom Ausrutscher in Fürth zählen auch die Störche zu den bislang besten Rückrundenteams.